Kirche im alten Dorf

Zurückhaltende Ausstattung mit tiefer Symbolik

Die evangelische Kirche zu Niederrodenbach ist eine typisch reformierte Predigtkirche des Barockzeitalters. Der Saalbau mit den beiden Halbkreisanbauten – dem Chorraum im Osten und dem Turm im Westen – ist schlicht und klar in der Ausformung und der Ausmalung. Zugleich offenbart die Architektur wie die zurückhaltende Ausstattung der Kirche eine tiefgründige Symbolik.

Die Gemeinde ist im 16 m langen und 14 m breiten Kirchenschiff und auf den beiden Emporen an den Schmalseiten ganz auf die Kanzel ausgerichtet, die in der Mitte des Chorraumes über dem Altar an der Wand angebracht ist. Schon durch diese Ausrichtung des Inventars wird deutlich, dass in reformierter Tradition die Verkündigung von Gottes Wort in der Predigt Mittelpunkt des Gottesdienstes ist.

Kanzel und Altar, der in der reformierten Tradition “Abendmahlstisch” genannt wird, liegen auf der Mittelachse der Kirche. Ein eigener Taufstein fehlt, getauft wird mit einer Taufschale auf dem Altar. So zeigt schon die Architektur: Wort Gottes und Sakrament (Abendmahl und Taufe) liegen auf “einer Linie”, sind untrennbar miteinander verbunden.

Beachtenswert ist auch noch das “Paradiesgärtlein” um den Altar. Es erinnert daran, dass mit der Feier des Abendmahls Gott die Sünden des Menschen vergibt, der Mensch wieder in einen “paradiesischen Zustand” zurückfindet. In seiner quadratischen Form mit den vier Weltkugeln ist es zugleich Darstellung des “himmlischen Jerusalems”, wie es in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird.

Auf dem Schalldeckel über der Kanzel füttert ein Pelikan mit dem eigenen Blut – so die zoologisch sicher nicht zutreffende Auffassung des 18. Jahrhundert – seine Jungen. Ein Symbol für Jesus Christus, der mit seinem Opfer die Sünden der Menschen gesühnt hat.

Die Kanzel schließt nach unten hin mit der Darstellung einer Weintraube, denn der durch das Wort Gottes vermittelte Glaube zeigt Früchte. Vielleicht ist die Weintraube zugleich ein Hinweis auf den damaligen Rodenbacher Weinbau, zumal auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchenschiffs das Rebenmotiv in den Brüstungsmalereien noch einmal aufgegriffen wird.

Von einer schlichten Schönheit sind alle 41 Brüstungsmalereien der Empore. Sie zeigen in Schleifen aufgehängte Pflanzengebinde in so genannter “Grisaille-Malerei”.

 

Die Baugeschichte

Die heutige Kirche steht auf dem Grund der alten Michaelskirche, die 1241 als “capella de Rotenbach” zum ersten Mal erwähnt wurde. Beim großen Brand im Jahre 1493 wurde diese Vorgängerkirche völlig zerstört, bald aber wieder aufgebaut. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie dann zu klein für den nunmehr gewachsenen Ort. Zudem war sie durch den “Zahn der Zeit” und die Kriegswirren (der siebenjährige Krieg war gerade zu Ende gegangen) so stark beschädigt, dass eine Renovierung nicht mehr in Frage kam. Schon 1754 berichtet der Pfarrer dem Kirchenvorstand, dass “gestern am Sonntag den 16. März unter dem Gottesdienst in unserer Kirche ein starkes Krachen von oben an dem Gewölb gehört worden (sei), als ob das ganze Dachwerk einstürzen wolle!” Doch dauerte es noch neun Jahre, bis schließlich alle politischen, technischen und vor allem finanziellen Voraussetzungen für den Neubau geklärt waren.

Am 15. Mai 1763 konnte schließlich der Grundstein zur neuen Kirche gelegt werden. Unter der südlichen Turmecke wird in einem Bleikasten eine Urkunde eingemauert. Die Festpredigt hielt der Hanauer Inspektor Schiede (vergleichbar mit einem heutigen Propst) über 2. Mose, Kapitel 25, Vers 8: “Sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne.”

Nach knapp zweijähriger Bauzeit konnte die Kirche am 3. Februar 1765 eingeweiht werden. Über dem Haupteingang der Kirche erinnert noch heute folgende Inschrift an die Erbauung der Kirche:

TEMPLUM CULTUI PURIORIS RELIGIONIS
SACRUM FUNDATUM D.
XV. MAII MDCCLXII
ET FELICITER CONSUMATUM MDCCLXV.

Zu deutsch: “Ein Tempel, dem Gottesdienst der reineren Religion geweiht, Grundstein gelegt den 15. Mai 1763 und glücklich vollendet 1765″.

 

Der Turm

Der Turm in seiner jetzigen Gestalt entstand im Rahmen des Neubaus 1763 bis 1765, wobei er erst nach der Einweihung der Kirche vollendet wurde. Die Fundamente jedoch stammen noch vom Turm der alten Michaelskirche, etwa aus dem Jahr 1240. Im Zuge des Kirchenneubaus wurde er um zwei Stockwerke auf 49 m aufgestockt, da Kirchen- und Turmdach sonst die gleiche Höhe gehabt hätten. 1959 wurde im Inneren des Turmes ein Stahlgerüst montiert, nachdem er sich bei einem orkanartigen Sturm über Rodenbach am 1. Oktober 1958 so stark geneigt hatte, dass er zu fallen drohte.

Die Außenanlagen lagen noch lange brach und konnten, aufgrund fehlender finanzieller Mittel, nur Stück für Stück hergestellt werden. Die Gestaltung des Eingangs wurde schließlich erst 1787 vollendet

 

Die Glocken

Die Glocken wurden von der alten Kirche übernommen. 150 Jahre taten sie ihren Dienst, bis sie 1916 im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen werden mussten. Die heutigen Glocken wurden 1950 gegossen und eingeweiht. Sie klingen in den Tönen F, As und B und wiegen ohne Klöppel 945 kg, 550 kg und 365 kg. Seit 1950 werden die Glocken elektrisch geläutet. Der Turm ist dank der Initiative des Rodenbacher Vogelschutzvereins, der entsprechende Nistkästen im Turm angebracht hat, von Turmfalken und, zeitweise, Schleiereulen bewohnt.

Zu erwähnen ist noch das “Vaterunser-Glöckchen”, über dessen Herkunft nichts Genaues bekannt ist. Der Inschrift nach wurde es 1736 in Frankfurt/Main gegossen und wiegt 56 kg. Ursprünglich im Dachreiter der kleinen lutherischen Kapelle, Kirchstraße 4, beheimatet, kam die Glocke 1818, nach der “Hanauer Union” – dem Zusammenschluss der reformierten und lutherischen Kirche- zunächst auf den Dachboden unserer Kirche, später auf den Turm. Heute hängt sie in unserer „Turmstube“, in der wir einige Sehenswürdigkeiten aus unserer Kirche ausgestellt haben. In den Kriegszeiten war sie aber die einzige Glocke, die der Gemeinde blieb.

 

Die Syer-Orgel

Erbaut wurde die Rodenbacher Orgel 1765 bis 1766 vom Niederflorstädter Orgelbaumeister Johann Friedrich Syer (1701-1787), dem Schwiegervater des bekannteren Orgelbauers Johann Conrad Bürgy (1721-1791) aus Bad Homburg vor der Höhe. Von den mindestens 36 Orgeln, die Syer zwischen 1738 und 1776 baute, sind nur noch vier erhalten, u. a. in Oberrossbach (1758) und Hoch Weisel (1755). Die Rodenbacher Orgel mit einem 8′ Prospekt und 15 Registern ist die größte und bedeutendste davon … weiterlesen.

 

Die Glasfenster

Die Glasmalereien in den beiden Fenstern des Altarraums wurden von der Künstlerin Hilde Ferber 1958 gestaltet. Das linke Fenster zeigt (von unten nach oben): Das letzte Abendmahl, Gethsemane, Verrat des Judas, Christus vor Pilatus, Kreuzigung. Das rechte Fenster zeigt (von oben nach unten): Der Engel und die Frauen am Grab, “Berühre mich nicht!”, Christus erscheint den Jüngern, Weg nach Emmaus, der österliche Fischzug.

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